Impresionnen Zar und Zarenschnaps

Zar und Zarenschnaps

Zar Alexander I.

 

Als der russische Zar Alexander I. seine Armee auf dem Weg Richtung Paris begleitete, machte im Januar 1814 auch in unserer Region Halt, bevor er nach Basel weiterreiste, um sich dort mit seinen Verbündeten aus Deutschland, England und Österreich zu treffen.
Der Zar und seine Schwester, Grossfürstin Katharina, besichtigten bei ihrem Aufenthalt unter anderem auch den Rheinfall. Weil es bitterkalt war und die noblen Gäste Hunger hatten, klopften sie bei einem Küfermeister in Neuhausen an. Vom Ehepaar Emma und Jakob Rich wurden sie daraufhin mit Suppe, Käse, Brot und Milch bewirtet. Es gab an diesem Tag für das Zaren-Geschwisterpaar aber auch noch einen Schnaps beim Neuhauser Schiffsführer Heinrich Gelzer.
Mit einem kleinen, traditionellen Festakt am Dienstag 9. Januar möchte der Rebbauverein Neuhausen gerne an den historischen Zarenbesuch erinnern.

Donnerstag 9. Januar

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Es war vor genau 206 Jahren: Am 9. Januar 1814 haben der russische Zar Alexander I und seine Schwester, Katharina Pawlovna in Neuhausen bei der Küferfamilie Rich angeklopft und daraufhin ein frugales Mittagsmahl erhalten.

Zuvor hatten die beiden den Rheinfall besucht. Was im Grunde erstaunlich ist, denn: schon am Tag zuvor hatten die beiden dem Rheinfall einen Besuch abgestattet.

Am Nachmittag des 8. Januar 1814 fuhren Alexander und Katharina in einer offenen Kutsche von Schaffhausen über Feuerthalen bis zum Schloss Laufen.

Von dort stiegen sie zum Rhein hinunter, wo sie der Schifferführer und Gastwirt Hans Jakob Gelzer in Empfang nahm, um sie über das Reinfallbecken zu rudern.

An dieser Stelle sei kurz die Familie der Gelzers etwas näher vorgestellt:

Man könnte sagen, die Gelzers waren über Jahrhunderte hinweg eine feste Grösse am Rheinfall.  Sie waren hier Fischer, Schiffsleute, Zöllner, Schankwirte sowie Wald- und Rebberg-Pächter.

Der Ahnherr dieses Geschlechts, ein gewisser Cunrat der Geizer (offenbar ein sparsamer Mann), wird schon im Jahr 1288 als Lehensmann des Klosters St. Katharinental erwähnt.

Später, ab dem 14. Jahrhundert, spielten die Geizer oder Gelzer, wie sich nun nannten, eine einflussreiche Rolle in der Zukunft zun Fischern. Bis vor ein paar Jahren konnte man ihr Wappen, eine goldene Lilie auf rotem Grund, in der Fischer Zunft bewundern. Und wie der einstige Schaffhauser Staatsarchivar, Reinhard Frauenfelder, herausgefunden hat, prangte das Gelzer-Wappen auch noch am ehemaligen Zunfthaus der Weber (Vordergasse 41), und an zwei weiteren Häusern am Herrenacker.

Die Gelzers waren eine Zeit lang auch Mitglieder des Grossen und Kleinen Rats der Stadt Schaffhausen und einzelne von ihnen waren überdies als Richter tätig.

Böse Zungen behaupten, sie hätten die ertragsreiche Position beim Schlössli Wörth nur dank ihres guten Netzwerks (was ja bei Fischern quasi mit dem Beruf zusammenhängt) an Land zeihen können.

Ein erster Gelzer, mit Vornamen Hans, wurde dort schon im Jahre 1505 erwähnt.

Der älteste Lehensbrief für die Gelzer datiert aus dem Jahr 1528 und besagt, dass sie den Zoll für die Waren-Transport-schiffe berechnen mussten. Überdies hatten sie die Oberaufsicht über die Lachsfischerei, und mussten dafür sorgen, dass der Schaffhauser Obrigkeit 2/3 der gefangenen Fische abgeliefert wurden. Überdies sollten Sie auch den Wald und einen Teil der umliegenden Reben verwalten. Auch vom geschlagenen Holz und vom Rebensaft mussten 2/3 nach Schaffhausen abgeliefert werden. Und das haben die Gelzer auch immer ganz beflissen und sehr, sehr zuverlässig getan. Also meistens, praktisch fast immer …

Tatsächlich entdeckten Abgesandte des Schaffhauser Rats im Jahr 1628, dass, Zitat: «die Gelzer nit getülich gewesen und die Fisch nit wie inen angesagt, unseren lieben Herrn überstellet han».

Mit anderen Worten: Sie haben dann und wann etwas für sich «abgezwickt und abgewackt». Bekannt ist auch, dass sie für private Zwecke einen Teil des Traubensaft gerne zu Schnaps gebrannt haben.

Natürlich wurde der betreffende Gelzer anschliessend sofort aus dem Schlössli Wörth gejagt. Die Nachfolger haben aber offenbar noch viel häufiger «gezwickt und «gezwackt». So kam es, dass bereits vier Jahre später der Schaffhauser Amtmann im Schlössli Wörth wiederum Gelzer hiess. Und so blieb es bis ins Jahr 1835.

 

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr und mehr Touristen, meist Adelige aus England, Frankreich und Deutschland, an den Rheinfall kamen, entdeckten die Gelzers eine neue Einnahmequelle: sie ruderten die noblen Gäste über das Rheinfallbecken. So gesehen, waren sie die Vorläufer der heutigen Bootsführer-Dynastie Mändli.
Übrigens wurde im Jahr 1779 auch der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe von einem Gelzer vom Laufen her zum Schlössli Wörth gerudert. Goethe vermerkte das sogar namentlich in seinem Tagebuch, auch dass er im Schlössli Wörth ein Glas vom hiesigen Wein getrunken hat. Bekanntlich hielt er so etwas in seinem Tagebuch nur dann fest, wenn ihm ein Wein geschmeckt hat. Das spricht klar für die gute Qualität des Neuhauser-Weins – schon zur damaligen Zeit!

Nun aber zurück zum kalten Januartag 1814. Der Zar und seine Schwester stiegen also ins Boot von Hans-Jakob Gelzer und liessen sich von ihm, am Rheinfall vorbei, zum Schlössli Wörth rudern.

Wie ist dann weiterging, darüber berichten Aufzeichnungen des Schaffhauser Pfarrers Johannes Kirchhofer, der etliche mündliche Berichte seiner Zeit gesammelt hat.

Die russische Durchlaucht ward vom Spektakel des gewaltigen Wasserfalles mit einem Male so ergriffen, also dass sie sich unvermittelt erhob. Ganz offensichtlich wollte der Zar der Naturgewalt des Rheinfalls wie ein Mann begegnen. Ob des Wellengangs im Rheinfallbecken ward jedoch das Schiff arg ins Schwanken versetzt. Dem guten Gelzer ward Angst und Bang, da ihm schien, der Zar könne alsbald ins kalte Wasser stürzen.

Sintemal war aber unser armer Schiffersmann des Französischen nicht mächtig und rang nun mit sich, wie den russischen Herrscher also angehen solle. Schon ward derselbe und seine Schwester von einer Gischt erfasst. Da nahm der Gelzer endlich seinen Mut zusammen und rief dem Zaren zu: «Hocked ab Majeschtät!». Der Zar begriff noch im selben Augenblicke und setzte sich.                   

Pfarrer Kirchhofer weiss auch zu berichten, dass Gelzer den Zaren und seine Schwester anschliessend ins Schlössli Wörth eingeladen und sie dort mit etwas Brot, Wurst und Käse bewirtet hat.

Weil die Zaren-Geschwister von der Gischt des Rheinfalls durchnässt worden waren, verabreichte er Ihnen auch ein Glas von seinem selbstgebrauten Schnaps.

Katharina Pawlovna soll, laut Kirchhofer, sogar zwei Gläser getrunken und Gelzers Weinbrand sehr gelobt haben.

Böse Zungen behaupten, die Zaren- Geschwister seien am folgenden Tag nicht wegen des Wasserfalls, sondern wegen dem Gelzer-Schnaps nochmals an den Rheinfall gefahren.
Weinbrand aus Neuhauser Trauben:

An diese Tradition können wir seit kurzem auch anknüpfen. Vor rund 1 1/2 liessen wir einen Teil der Trauben aus unserem Rebberg zu einem Schnaps brennen.

2019 haben hierfür unser Vereinsmitglieder Zaggi Bührer und Vereinspräsident Ruedi Meier Trauben gespendet, dieweil ja unsere Vereinstrauben zum ersten Mal zu einem Wein gekeltert wurden.

Zaggi Bührer hat die Trauben auch nach Büsingen gebracht und dort zu einem fabelhaften Weinbrand brennen lassen. Daraus ist nun der erste, oder mit Blick auf 1814 müsste man sagen, der zweite Neuhauser Zarenschnaps entstanden.

 

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